Hurra, hurra!! Jubel über immer neue Besucherrekorde


Pension Berlin

In der letzten Woche wurden die neuesten Zahlen zum Berlin Tourismus veröffentlicht.
Jubel überall, wieder ein neuer Rekord. Von Januar bis Juni 2013 stieg die Zahl der Übernachtungen in den Hotels und Pensionen Berlins lt. visit Berlin um 9,8%. Die Zahl der Besucher stieg um ca. 5% auf 5,3 Millionen. Bis Ende 2013 wird mit einer Zahl von 26 Millionen Übernachtungen gerechnet. Bis 2016 soll die Zahl der Übernachtungen auf 30 Millionen ansteigen. In London liegt die Zahl der jährlichen Übernachtungen aktuell übrigens bei jährlich 48 Millionen, in Paris bei 36,9 Millionen.
Nach verschiedenen Presseberichten sei ein Anstieg auf 30 Millionen bis 2016 lt. Burkhard Kieker, dem Chef von visit Berlin, durchaus realistisch. Er untermauert dies angeblich mit der Zahl der Hotelbetten. 1993 gab es in Berlin 36.000 Gästebetten, heute sind es 130.000, 2016 sollen es 150.000 sein. Daraus soll sich dann also auch die Steigerung der Übernachtungszahlen von 26 auf 30 Mio. errechnen.
Ok… Habe ich das nun richtig verstanden? Anhand der Hotelbetten lassen sich die Übernachtungszahlen vorhersagen….?! Da bin ich nun verwirrt. Heißt das nun man muss nur mehr Hotelbetten bauen, dann kommen automatisch auch mehr Gäste? Ja wenn das so einfach ist….. Muss also VW nur mehr Autos bauen, dann kaufen die Leute auch mehr Autos, der Schlachthof nur mehr Schweine schlachten und die Leute essen mehr Schnitzel? Gute Frage! Aber ok, vielleicht wurde Herr Kieker ja nur missverstanden, falsch zitiert, oder ich habe ein Verständnisproblem.

Weiterhin scheint sich Herr Kieker über das gute Ergebnis der Berliner Hotels zu freuen. Die seien, trotz des verschärften Wettbewerbes zu 53% ausgelastet. „Ein gutes Ergebnis“ wie Herr Kieker in der Presse zitiert wird. Klar, er muss ja kein Geld mit Zimmervermietung verdienen. Mir verschlägt es da fast die Sprache.
Zum Vergleich: Die Auslastung der Hotels in London lag 2010 und 2011 bei 82,x %, 2012 bei 80%. In Paris lag lt. „Paris Office du Tourisme et des Congres“ die durchschnittliche Auslastung der Hotels 2011 bei 79,5% und 2012 bei 79,6%.
Der bestehende Verdrängungswettbewerb in Berlin schlägt mit 53% nicht nur auf die Auslastung, sondern auch auf die Zimmerpreise durch. Lt. Informationen aus der Hotelbranche lag der Durchschnittszimmerpreis der Vier-Sterne-Hotels an der Budapester Straße Anfang der 90er Jahre bei umgerechnet 108 Euro, heute sind 84 Euro. Hotelpreise heute niedriger als vor 20 Jahren. Bei niedriger Auslastung. Aber Herrn Kieker freut das und er verkauft das als Erfolg. Will der mich verhöhnen? Ich fühle mich da wirklich ein wenig verarscht!

Irgendwer muss wohl auch für Preisdruck und Verdrängungswettbewerb „bezahlen“ (das ist immer so, sei es bei Hotels, Billiglebensmitteln oder Billigklamotten: Irgendjemand bezahlt dafür). Vielleicht die Angestellten? Was man in der Presse immer mal wieder über die Arbeitsbedingungen und Bezahlung von Reinigungskräften in vornehmen Hotels hört (zuletzt war es glaube ich Panorama mit einer Reportage), lässt durchaus den Verdacht aufkommen. Da kann sich die Wirtschaftssenatorin Frau Yzer gerne über die 280.000 Jobs freuen, die angeblich durch den Tourismus gesichert werden. Viele davon sind halt relativ schlecht bezahlt und prekär, aber das ist wieder ein ganz anderes.

Viel lieber, als über so was zu reden, lassen sich Politiker für die Erfolge im Tourismus feiern. Klar, gibt ja sonst nicht viel zu feiern in Berlin. Nur haben, meiner Meinung nach, die Politiker (egal welcher Couleur) nicht viel Anteil an dem Hype, über den sich Herr Wowereit anlässlich des 20jährigen Jubiläums von visit Berlin freute. Diesen Hype hat Berlin mehreren Faktoren zu verdanken. Allem voran der Wiedervereinigung und dem damit verbunden Wandel und Aufstieg Berlins zu Metropole und Hauptstadt. Keine andere Stadt ist in Europa ist derzeit so vielfältig und so im Wandel Begriffen wie Berlin. Burkahrd Kieker erklärte dazu: „Das Interesse an Berlin ist riesig da sich Stadt Berlin sei eine Stadt des permanenten Wandels. Eine Stadt, die sich von der Diktatur befreit hat. Attraktiv seien der entspannte Lebensstil, das Nachtleben, wahrscheinlich momentan das interessanteste in Europa, und dass es authentische Geschichtsorte gebe wie den Pariser Platz. Berlin ist eine der letzten Städte, die sich in der alten Welt neu entwickelt“, sagte Kieker. „Andere europäische Großstädte sind komplett festgefügt.“ Da kann man Herr Kieker nur voll und Ganz zustimmen.
Weiterhin hat Berlin gegenüber Städten wie Paris und London natürlich erheblichen Nachholbedarf. Immerhin sind Paris und London 30, 40 Jahre länger Touristenmagneten, während Berlin, aus o. g. Gründen, erst in den 90ern richtig durchstartete. Klar dass Berlin deshalb schneller wächst als z. B. London und Paris. Alles andere wäre ja auch irgendwie unlogisch.
Dazu kommen weltweit steigende Touristenzahlen. Immer mehr Menschen weltweit reisen. Der weltweite Flugverkehr im ersten Halbjahr 2013 ist gegenüber dem Vorjahr um 6% gestiegen. Natürlich bekommt auch Europa, Deutschland und Berlin davon was ab. Menschen aus Ländern reisen heute, die sich das vor 20 Jahren noch kaum leisten, oder dies aus politischen Gründen nicht konnten. China, Russland, Indien, Brasilien, Argentinien, Mexico, seien nur als ein paar Beispiele genannt.

Nur ist all das nicht der Verdienst der hiesigen Politik, auch wenn sie sich gerne in den Erfolgen sonnt. Es gibt bis heute kein langfristiges Tourismuskonzept. Das einzige Konzept (sofern man es so nennen darf) lautet: Mehr, mehr, mehr. Seit neuestem auch „City Tax“, aber auch das sieht irgendwie nicht nach Konzept, sondern nur nach Abkassieren aus.
Der Hype um Berlin ist in aller erster Linie der Verdienst der Menschen hier (auch der vielen seit der Wende neu zugezogenen), der Unternehmen in dieser Stadt und der vielen Besucher, die positive Mund zu Mund Propaganda für Berlin in die Welt tragen. Politik kann keinen solchen Hype auslösen. Ich würde sogar wagen zu behaupten dass unsere Politik machen kann was sie will und dilettieren kann wie sie will, den Hype bekommen derzeit nicht einmal unsere Politiker kaputt. Flughafendesaster: Kein Problem. City Tax: Selbst 20% würden den Hype wohl nicht zerstören. Aber bitte meine Damen und Herren Politiker: Schmücken Sie sich nicht mit Federn, die Ihnen nicht gehören.
In diesem Sinne: Auf zu neuen Rekorden!


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