Berlin und andere Besucherzoos


Pension Berlin

Unter dem Titel „Berlin-Tourismus tötet den Geist der Stadt“ hat der Journalist Werner van Bebber im Tagesspiegel am 29. Mai 2016 einen Artikel über die Folgen des Tourismus in Berlin veröffentlicht.

Ich bin ganz ehrlich gesagt erstaunt über den Artikel. Nicht etwa, weil ich das nun ganz anders sehe als Herr van Bebber. Eher im Gegenteil und weil dieses Phänomen auch nicht neu ist, sondern man es überall da trifft, wo Massentourismus stattfindet und das schon seit vielen Jahren.

Für mich, Jahrgang 1965, begann alles an der italienischen Adria (einschließlich Venedig). Das Sehnsuchtsziel der Wirtschaftswundergeneration und auch meiner Eltern. Die Massen an Touristen haben diese beschauliche, schöne Gegend bis zur Unkenntlichkeit verändert und aus Rimini ein schreckliches Massen(sauf/party)ereignis gemacht. Nie im Leben würde ich da je wieder hinfahren.
Und so kann man weiter machen mit anderen Beispielen. Barcelona, für mich eine der schönsten Städte der Welt. Ich war dort 1979, 1983 und dann wieder 1999. Als ich 1999 das völlig überlaufene Zentrum erlebte, die besoffenen Touristenmassen an den Stadtstränden und abends an und um die Ramblas, war ich völlig bedient und seit dem nie mehr wieder in Barcelona, einer der ehemals schönsten Städte der Welt. Nicht umsonst gibt es in Barcelona inzwischen eine ganz starke Bewegung von Einheimischen gegen den Massentourismus und seine negativen Folgen für die einheimische Bevölkerung. Auch in Berlin tut sich da ja inzwischen was.

Als ich 1994 durch Peru und nach Machu Picchu reiste, hatte ich schon das Gefühl, dass sich in Machu Picchu viele Menschen aufhielten, aber zu heute ist das gar kein Vergleich. Damals waren das vielleicht 200 oder 300 am Tag und es waren alles Individualisten, die eine nicht ganz einfache Anreise, zu einer Zeit als Peru noch als gefährlich galt, und „Lieschen Müller“ niemals dahin gefahren wäre, hinter sich hatten. Pauschal und all inclusive gab es Peru damals nicht. Heute ist Machu Picchu kein Abenteuer mehr, sondern nur noch der selbe Touristenzoo, von dem Herr von Bebber über Berlin schreibt.

Die Frage von Herrn von Bebber, ob die Menschen nicht irgendwann dieses Besucherzoos überdrüssig sein werden und einfach wegbleiben und somit das ganze Modell des Tourismus kollabiert, würde ich gerne mit einer Gegenfrage beantworten: Wo sollten diese Touristen denn dann stattdessen hinreisen?
Besucherzoo ist inzwischen, wie Herr von Bebber selber schreibt, fast überall. Barcelona, Prag, Amsterdam, Paris, überall die selben Massen und Schlangen vor den Attraktionen. Same shit, different language, wie ich das gerne beschreibe.

Wir alle wollen, wollen „fremde“ Kulturen (aber bitte nicht zu fremd), Gegenden und Städte sehen, aber es soll einfach, bequem und sicher sein und der Latte Macchiato soll bitte auch überall angeboten werden.
Die Welt wird sich immer ähnlicher. Wenn man heute jemanden in der Fußgängerzone einer Stadt, egal wo auf der Welt steht, aussetzen würde und der Ausgesetzte müsste sagen in welcher Stadt er wäre…., er würde wohl scheitern. Überall die selben Ketten, die selben Marken, Labels und Angebote. Die Unterschiede werden marginal und die Unterscheidbarkeit wird getilgt. Aber das scheint genau das zu sein, was den meisten Menschen gefällt, sonst würden sie sich das ja nicht antun. Der Gipfel der Perversion ist für mich die Kreuzfahrt. Wo einige tausend Menschen für ein paar Stunden ein Dorf/Stadt/Gebiet überfallen und dann wieder verschwinden in ihre sterile, heile Welt und sich am Buffet freuen können, dass sie wieder ein Ziel auf ihrer Liste der „Must have seens“ abgehakt haben. Von den Menschen, der Kultur, der Atmosphäre des besuchten Ortes/Landes/Region haben sie zwar nichts mitgekriegt, aber das ist doch egal. Hauptsache man konnte wieder einen Haken auf seiner Liste machen. Wenn so was in der Karibik passiert, kann man ja noch sagen: Ok, die Karibik ist schon seit Jahrzehnten versaut und zerstört. Da kann man nicht mehr viel kaputt machen. Aber das Ganze passiert leider auch in Galapagos, Feuerland, Antarktis, und diese Orte sind noch nicht von Massen zerstört. Aber keine Angst, auch daran arbeitet man und es ist absehbar, dass auch diese Orte in naher Zukunft zu Besucherzoos verkommen werden.

Nochmals zu der Frage, ob die Menschen das irgendwann satt haben werden und diesem Massentourismus überdrüssig werden? Ja vielleicht, aber erst wenn der letzte Bewohner diese Planeten seine Liste abgehakt hat (und es werden immer mehr Menschen, die es sich leisten können zu reisen), der letzte sehenswerte Ort bis zur Unkenntlichkeit angeglichen wurde und die Menschen gemerkt haben, dass sie den „Geist der Stadt“ überall getötet haben, vorher nicht. Und bis dahin gibt es noch viel zu tun, in der touristischen Welt der Besucherzoos.


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